Ende 2025, München, Lehrgang zum Kindertrainer des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV): Mehr als 20 motivierte Personen haben sich eingefunden. Sie nehmen sich freiwillig und ehrenamtlich Zeit und beschäftigen sich mit dem Trainingskonzept von Hannes Wolf (“Die beste Trainingseinheit”). Als wir zum Leitbild des Kindertrainers befragt werden, gibt die Gruppe ein erstaunlich einheitliches, motivierendes und ermutigendes Bild ab. Auf Nachfrage stellt sich dann heraus, dass nur 2 bis 3 Prozent der aktiven Kindertrainer überhaupt einen solchen Lehrgang besucht haben und zertifiziert sind. In dem Moment wird mir auch klar, warum es am Spielfeldrand vielfach so ist, wie es ist.
Und auch, warum es in der laufenden Saison so viel Gegenwehr gegen die neuen Formate und Regeln gab und gibt. Weil 97 Prozent der Trainer sie gar nicht verstehen, und scheinbar mehrheitlich auch keine Lust haben, es zu versuchen. Frei nach dem Motto: “Früher war alles besser. Lass mich mal machen.” Was dabei ignoriert wird: Die neuen Formate dienen dem langfristigen Erfolg, stützen sich auf breit angelegte Studien und sind kindgerechter.
Und was passiert? Die “Früher war alles besser”-Mentalität setzt sich durch, und es bilden sich Schattenligen, schon für F- und E-Jugend. Verbesserung, und vielleicht irgendwann auch wieder ein Welt- oder Europameistertitel, ernten eher ein “Nein danke”.
Europa- oder Weltmeister waren wir seit über zehn Jahren nicht mehr, stattdessen mehrfach früh und schwach ausgeschieden. Julian Nagelsmann traut sich zumindest hin und wieder etwas Neues. Und natürlich: Auch er durfte schon ordentlich “Dreck fressen”, wenn man sich Berichterstattung und Kommentare der breiten Masse anschaut.
Bei der WM 2026 war dann schon im Sechzehntelfinale Schluss. Am 29. Juni in Boston, gegen Paraguay, nach Elfmeterschießen. Einen Rücktritt schloss Nagelsmann unmittelbar danach aus. Vier Tage später trat er zurück, seit dem 15. August darf sich Jürgen Klopp versuchen.1 Auch hier bewegt sich etwas erst, wenn der Druck groß genug geworden ist.
So oder so ähnlich fühlt es sich für mich seit Jahren an vielen Stellen in der deutschen Wirtschaft an. Exportweltmeister? Eher nur noch ein Schild an der Wand, ein verblassender Name, eine flackernde Leuchtreklame.
Innovationsträger von Wareneingang bis Warenausgang? Insbesondere im digitalen Bereich? Ein hoher Anspruch, der nie wirklich Realität wurde. Industrie 4.0 würde ich nicht sofort als gescheitert bezeichnen, aber sehr wohl als eine eher auferlegte Utopie, der sich viele unterworfen haben, ohne ihre Bedeutung für das Geschäftsmodell je im Detail zu betrachten. Auch wenn neue Wertschöpfungsstränge entstehen, bleibt es für die einzelnen Anbieter oft ein Klein-Klein, das weder echtes Wachstum noch Umsatzkompensation verspricht. In Hyper-Growth-Diskussionen kann man das daher, wie der Bayer sagt, mit einem Satz abtun: “Das skaliert so nicht.” So schnell, wie sich Marktanteile und Umsätze verschieben und neu verteilen, greifen diese Ansätze und gut gemeinten Ideen nicht. Sie erzeugen keine Kompensation.
Genau deshalb geht es nicht um das nächste 2.0, 3.0 oder gar 5.0. Es geht darum, einen neuen Weg zu beschreiben: ein adaptiertes, disruptives und in jedem Fall neues Mindset, das einen Befreiungsschlag aus Lethargie, Selbstverliebtheit und Lähmung wagt, mit Mut, Motivation und Selbstbewusstsein. Während ich das schreibe, muss ich schon schmunzeln, weil ich die Reaktionen auf diesen Satz vor meinem inneren Auge sehe: “Was bildet sich der denn ein?” Oder: “Der kann das doch gar nicht bewerten.”, “Zu jung, keine relevante Erfahrung.” Mag für den einen oder anderen in Bezug auf meine Person sogar stimmen. Aber ist es nicht oft so, dass ein Fünkchen Wahrheit gerade dort liegt, wo es besonders weh tut, wenn jemand den Finger in die Wunde legt?
“Wir werden uns KI widmen und Fast Follower werden”, hallt es mir noch kurz vor Weihnachten aus dem C-Level entgegen. Solche Aussprüche sind Musik in meinen Ohren. Sie werden nur leider schnell zum Tinnitus, wenn daraus ein “Wir prüfen jetzt ganz genau die Use Cases in den nächsten drei Monaten” wird. Drei Monate sind in Zeiten der aktuellen KI-Entwicklung Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.
Dieses zweite Ereignis hat meinen persönlichen Ehrgeiz endgültig gepackt, dieses Buch zu Ende zu schreiben und noch klarer, intensiver, innovativer, disruptiver und ja, auch aggressiver und schonungsloser darzulegen, wie der German Way sein muss.
Natürlich gibt es gute Beispiele, auch Leuchttürme. Doch in der Breite der Unternehmen und im Mindset hinken wir unserem Anspruch, und vor allem dem Bedarf, in meinen Augen noch weit hinterher.
Ein Wort zu den Quellen, dann geht es los. Wo ich mit Zahlen, Studien, Regulierung oder politischen Zielbildern arbeite, steht die Quelle in einer Fußnote, mit Datum und Link. Die erste steht schon oben. Alles andere ist meine Einschätzung, gewachsen aus zwanzig Jahren Industrie und zehn Jahren Unternehmensaufbau. Ich schreibe das nicht an jeden Absatz, weil du es beim Lesen ohnehin merkst: Belegtes hat eine Nummer, der Rest hat einen Absender.
Quellen
Ausscheiden im Sechzehntelfinale gegen Paraguay am 29.06.2026 in Boston, 1:1 nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen: FIFA, “Deutschland 1:1 (3:4 i.E.) Paraguay, Bericht und Highlights”, https://www.fifa.com/de/tournaments/mens/worldcup/canadamexicousa2026/articles/deutschland-paraguay-highlights-spielbericht-wm. Rücktritt Nagelsmann am 03.07.2026: ZDFheute, “Nagelsmann nicht mehr Bundestrainer, Klopp soll übernehmen”, https://www.zdfheute.de/sport/fussball-wm/fussball-wm-2026-dfb-nagelsmann-ruecktritt-100.html. Vorstellung Jürgen Klopp am 15.08.2026: DFB, “Jürgen Klopp als Bundestrainer vorgestellt”, https://www.dfb.de/news/juergen-klopp-als-bundestrainer-vorgestellt (alle abgerufen 2026-08-25).↩︎